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(English version below)

Timo Rieg, Jahrgang 1970,  Diplom-Journalist und Diplom-Biologe. Partizipative Verfahren interessieren mich schon länger als ein viertel Jahrhundert – angefangen von der ersten Wahl zum Klassensprecher über Jugendgremien auf allen möglichen Ebenen in Kirche, Feuerwehr, Jugendring, über Stupa, MAV und die vielen allgemeinen politischen Wahlen, die einem so ab einem gewissen Alter offenstehen.

Schon mein erstes Buch “Artgerechte Jugendhaltung” (1992) ging der Frage nach, ob mit den üblichen Wahlen und Delegationen der Anspruch von Demokratie gut verwirklicht werden kann. Eine systematische Beschäftigung mit Demokratietheorie und -modellen erfolgte aber erst weit später, nach Lokal- und Wissenschaftsjournalismus, nach vielen Projekten, die irgendwie mit Partizipation zu tun hatten, mit der gesellschaftlichen Beteiligung von Lobby-, Themen- oder Altersgruppen.

Erst im Jahr 2002 bin ich dann bei Recherchen zu demokratischen Beteiligungsverfahren auf das Modell der Planungszelle nach Peter Dienel (damals Professor in Wuppertal) gestoßen – international Citizens’ Jury genannt.

Das Prinzip von Citizens’ Juries (=Planungszellen) ist bestechend – und überraschenderweise recht nah an den Ursprungsformen der Demokratie: Die Akteure bringen sich nicht, wie in der modernen Politik ganz selbstverständlich üblich,  selbst nach vorne (durch Wahlkampf, Netzwerke und viel, viel Arbeit), allein das Los, die Zufallfsauswahl entscheidet, wer stellvertretend für alle (bzw. die Gruppe, die für sich eine Entscheidung sucht) kurzzeitig in die Verantwortung genommen wird.

Ich habe Planungszellen beobachtet, aktiv begleitet und selbst durchgeführt.  Sie werden meist nur zur Beratung der Politik und Verwaltung eingesetzt – nicht als Entscheider an deren Stelle. Erfahrungen mit Citizens’ Juries als echte Entscheidungsgremien, wie es die Gerichts-Jurys im amerikanischen Recht sind (die Schöffen in Deutschland kann man damit nicht vergleichen), gibt es bisher nicht.

Mein Steckenpferd in dem Zusammenhang sind Citizens’ Juries, die nur aus Jugendlichen bestehen – entweder, um ein explizites Jugend-Votum zu einer allgemein relevanten Frage zu bekommen oder um Jugendliche Dinge ihres Lebens eigenständig regeln zu lassen.  Die von mir moderierte Bochumer “Youth Citizens Jury” im August 2009 war die erste in Deutschland, die nur jugendliche Juroren hatte. Der Testlauf und eine zweite, erweiterte Jugendplanungszelle im Dezember 2010, haben gezeigt – auch nach wissenschaftlicher Evaluation -, dass schon Jugendliche im Alter ab 14 Jahren in der Lage sind, mit dem Verfahren zu arbeiten, sich in die Rolle als stellvertretende Entscheider hineinzufinden und überraschend diszipliniert mehrere anstrengende Tage lang miteinander an politischen Fragen zu arbeiten. (Ausführlich dargestellt im Buch “Die Qualität von Bürgerbeteiligungsverfahren“, früherere Text online hier. )

Citizens’ Juries sind m.E. eine notwendige Ergänzung im derzeitigen politischen Entscheidungsprozess. Sie finden nicht die Antwort auf  alle Fragen (dafür sind andere Verfahren besser geeignet bzw. sie müssen kombiniert werden), aber sie sind die beste Möglichkeit, hoch strittige Fragen zu klären, die sonst in “Hinterzimmern der Politik” entschieden werden – über die Köpfe der Betroffenen hinweg. Und sie sind absolut demokratisch, weil jeder zu Wort kommt – nicht nur die Laut- und Halbstarken.

Diese Website www.Aleatorische-Demokratie.de soll daher das Verfahren Citizens’ Jury/ Planungszelle, ihren Einsatz, ihre methodische Weiterentwicklung und die Diskussion dazu vorstellen. Im englischen Sprachraum ist die Debatte unter dem Stichwort “Sortition” schon deutlich weiter (siehe Literaturverzeichnis).

Den Einsatz im ganz großen Stil habe ich im Buch “Demokratie für Deutschland” skizziert. Wesentlich bekannter ist aber das drei Jahre später auf Deutsch erschienene wunderbare Buch “Gegen Wahlen” von David Van Reybrouck, auf das ich mich seitdem oft beziehe.
Deutlich niederschwelligere Versuche sind natürlich in Teilbereichen bürgerschaftlicher Mitbestimmung denkbar, etwa im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

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About the publisher

Hi, I’m Timo Rieg, a German journalist and biologist (with a Diplom in both subjects, which is the equivalent of a Master’s). I’ve been interested in participatory methods for the last 35 years, starting with my nomination as class representative, board membership of youth committees on all levels at schools, the church, the fire service and university, and finally, like any other citizen, participation in general elections.
My first book “Artgerechte Jugendhaltung” (in English: “Species-Specific Youth Welfare”, a somewhat satirical title) asked whether the original idea of democracy is achievable through general elections and whether delegation is appropriate. Only later did I fully research the theory and models of democracy, before eventually discovering Peter Dienel’s model of citizen participation with members chosen by lottery (Planungszelle, or “citizens’ jury”).
The principle of citizens’ juries is appealing and close to the original form of democracy practised in ancient Greece. The roll of the participants, unlike conventional politicians, doesn’t include campaigning, networking or other tasks aimed at self-promotion. Representatives can only be chosen by lot.
I’ve observed citizens’ juries as well as participating in and organizing them. At present, citizens’ juries are generally initiated in order to advise politicians and administrators, rather than to make decisions. As yet there have been no instances of citizens’ juries in Germany with a decisive roll, in the manner of the jury system in US courts.

My professional focus is on citizens’ juries solely made up of young people, either to express an opinion on a general issue, or to allow them to manage issues affecting their own lives. I initiated the first youth citizens’ jury in August 2009 in the German industrial city of Bochum, which was perhaps the world’s first exampel of an jury made up exclusively of 14 to 17-year-olds. This experiment – and a second in December 2010 – has shown, that young people are equally able to work with this method, which was confirmed by an independent evaluation by the Nexus Insitute in Berlin. The teenagers set about their task with surprising discipline, fully embracing their role as representatives of their age group. (This experiment is described in detail in “Die Qualität von Bürgerbeteiligungsvefahren…”, as listed in the references.)

In my view citizens’ juries should become an integral part of the process of political decission-making. Not every issue can be solved through citizens’ juries (other methods of deliberation have been developed for more open-ended questions, e.g. Zukunftswerkstatt or “Future Workshop” and Six Thinking Hats), but it remains the best means of resolving contentious issues and polarising debates. Citizens’ juries are democratic both representationally (as a mini-public) and structurally (everyone is given equal opportunity to speak).

My book sketches out the use of sortion. Better known, however, is David Van Reybrouck’s excellent book Gegen Wahlen (“Against Elections”), published three years after mine in German, to which I often refer.
A smaller scale version is, of course, possible, for example, to offer advice to public broadcasters. At the moment we have a number of exciting experiments and projects with citizens assemblies in Germany. This website describes them.

 

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