Aleatorische Demokratie

Was ist “aleatorische Demokratie”?

Aleatorische Demokratie ist eine Form direkter und zugleich repräsentativer Selbstbestimmung einer autonomiefähigen Gruppe, klassischerweise also eines “Staatsvolkes”. Im Gegensatz zur repräsentativen (Parteien-)Demokratie werden Stellvertreter der Gesamtheit nicht per Wahl, sondern per Auslosung bestimmt. Sofern aus allen (stimmberechtigten) Bürgern gelost wird, haben wir trotz des Stellvertreterprinzips eine direkte Demokratie, weil die Bürger selbst ohne Umweg über Berufspolitiker als ihre “Anwälte” direkt selbst Entscheidungen treffen.

Es gibt drei große Einsatzgebiete für aleatorische Demokratie:

a) Auslosung von Gremienmitgliedern aus der Gesamtheit
Wenn in einem Entscheidungsgremium wie einem Parlament die Bürger selbst vertreten sein sollen, bietet sich als demokratisches Selektionsverfahren nur die Auslosung an. Jeder hat damit dieselbe Chance, Mitglied des Gremiums zu werden. Bei entsprechender Größe sind nach der statistischen Wahrscheinlichkeit alle relevanten Merkmale der Grundgesamtheit (Geschlecht, Alter, Bildungsgrad etc.) anteilsgerecht vertreten. Wer also ein Parlament der Bürger möchte anstatt eines der irgendwie definierten Eliten, Experten o.ä. kann nur auf Auslosung setzen – alles andere verzerrt.

b) Auslosung von einzelnen Ämtern unter Geeigneten bzw. Bewerbern
Die Auslosung einzelner Ämter/ Rollen/ Aufgaben kommt dann in Betracht, wenn alle “Kandidaten” im Lostopf grundsätzlich als geeignet angesehen werden. Das kann der Fall sein, wenn im Zuge eines Bewerbungsverfahrens eine Zahl X von mehr oder weniger gleich geeigneten Bewerbern übrig bleibt (überlicherweise hat jeder irgendwelche Vorzüge und Nachteile). Oder wenn aus einer Gruppe jeder für den Job in Betracht kommt (z.B. Klassensprecher zu werden oder am Ende einer Veranstaltung aufzuräumen). Hier sorgt das Los zum einen für Gerechtigkeit (weil es keinerlei Diskriminierung geben kann, es entscheidet ja gerade der Zufall). Zum anderen erdet es insbesondere bei Ämtern, die mit Entscheidungsmacht verbunden sind (wer ausgelost wurde, kann sich gar nicht für den Besten, den einzige Geeigneten halten, man ist damit auch nicht unersetzlich – und es liegt auf der Hand, bei Zeiten neu auszulosen). Die Auslosung von Ämtern verhindert jede Art von Korruption, Seilschaft, Gefälligkeit.

c) Auslosung von Sachentscheidungen
Auf diesen Aspekt aleatorischer Demokratie verweist vor allem Hubertus Buchstein, der das Grundlagenwerk “Demokratie und Lotterie” geschrieben hat. In mehreren Koalitionsverträgen war bisher vorgesehen, dass eine Entscheidung bzw. ein Abstimmungsverhalten ausgelost werden soll, wenn sich die Koalitionspartner nicht einig werden. Zur Anwendung kam es bisher in diesem Zusammenhang aber offenbar noch nie. Trotzdem bleibt es ein interessanter Anwendungsfall: untere gleich gut bzw. gleich riskant erscheinenden Wegen kann man einen auslosen.

Aleatorische Demokratie ist keine Herrschaftsform – denn hier herrscht niemand über andere. Aleatorische Demokratie organisiert vielmehr Selbstbestimmung und Zusammenleben der Menschen.
Daher liegt es in der Natur der Dinge, dass sich Machtmenschen nicht für aleatorische Demokratie begeistern können, denn sie macht Privilegien, Sonderstellungen und Herrschaft einzelner Gruppen unmöglich. Erfunden und erprobt wurde aleatorische Demokratie bereits im antiken Griechenland. Inzwischen gibt es zahlreiche weitere Erfahrungen, so dass Aleatorischen Demokratie natürlich nicht nur durch das Losverfahren gekennzeichnet ist. Weitere wichtige Punkte sind:
– strikte Begrenzung jeder Amtsdauer (im Bürgerparlament z.B. auf eine Woche, bei gelosten oder gewählten Ämtern auf einige Jahre)
– klare Regeln für Entscheidungsprozesse (was auszuführen hier deutlich zu weit gehen würde)
– Transparenz und Kontrolle aller Verfahrensschritte.
Dass wir in der Menschheitsgeschichte nur sehr kurze und vereinzelte Phasen aleatorischer Demokratie hatten, spricht nicht gegen das Verfahren, sondern belegt den ungeheuren Machthunger einzelner, die – wie auch immer deklariert – Herrschaft über andere Menschen beanspruchen (und dies keineswegs nur in der Politik – in Summe viel bedeutender ist die Herrschaft der Wirtschaft).

Nach dieser sehr knappen Einleitung sei zur Vertiefung auf Folgendes verwiesen:
– das Konzept ausgelostes Bürgerparlament
– zur Biologie der Herrschaft die Abschnitte I und II im Aufsatz “Jugend-Partizipation mit Jugendplanungszelle
– zu Sachentscheidungen, die nur mit aleatorischer Demokratie getroffen werden können auf: Warum wir das Bürgerparlament brauchen
– für Historisches zur aleatorischen Demokratie auf David Van Reybrouck: Gegen Wahlen
– ein Streitgespräch über Berufspolitiker und Bürgerbeteiligung
– sowie die Sammlung weiterer aktueller Literatur

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